Nach dem frischen Abend gestern und einer wirklich kalten Nacht montiere ich für einmal die langen Hosen. Ich bin ein bisschen demotiviert heute, habe so gar keine Lust auf Aktivitäten. Markus hingegen war bereits joggen, ist topfit und unternehmungslustig wie immer :-) Na gut, gehen wir erst mal frühstücken. An der Main Street von Manchester - das ist jene mit den Marmor-Trottoirs - finden wir eine Bakery. Zum Sitzen macht es uns allerdings nicht an, also holen wir uns zwei Latte und ein Croissant. Weiter unten habe ich gestern schon einen Coffeeshop mit Bagles im Angebot gesehen. Also "taken" wir uns noch zwei plain bagles mit plain cream cheese "away" und fahren zurück zu unserem netten Inn. In der schönen und wärmenden Morgensonne geniessen wir vor dem Haus das Frühstück.Wir wollen als erstes auf den Mount Equinox, einer der höheren "Berge" der Umgebung mit 3848... feet, also etwas über 1000 Meter. Am Anfang des Skyline Drive versperrt eine Barriere die Einfahrt. Im Häuschen nebenan kann ich für 14 Dollar eine Münze kaufen, mit welcher sich die Barriere öffnen lässt. Der Laden ist sehr speziell... Erinnert mich an den Souveniershop beim Kloster Mariastein. Man kann Kreuze, Mariastatuen sowie diverse religiöse Bücher, CDs und DVDs kaufen. Wahrscheinlich hat das damit zun tun, dass auf dem Berg ein Karthäuser-Kloster steht.
Wir passieren also problemlos die Barriere und lassen unseren Chevy den Berg hinauf keuchen. Die Amis bauen andere Bergstrassen als wir. Das Motto ist einfach möglichst schnell oben zu sein, darum sind die Strassen sehr steil. Schon bald haben wir darum eine tolle Aussicht. Kurz vor dem Gipfel sieht man die "Carthusian Monestary", ein riesiges Anwesen! Oben angekommen haben wir ein sensationelles 360*-Panorama über die Green Mountains (grüne Berge, darum ja auch Ver-Mont). Auf dem Weg zurück werden wir erst mal gebeten, unsere Bremsen zu testen. Nach der Hälfte des Abstiegs heißt es sogar "give your brakes a brake", unglaublich die Amis :-)
Nächstes Ziel ist Stratton, ein aus dem Boden gestampfter Ferienort, hauptsächlich für Wintersport. Die Gondel fährt aber auch im Sommer und von Wanderwegen haben wir auch gelesen. Im "Mountain Resort" soll es zudem schöne Shops haben, das wird meine Stimmung heben. Mit der modernen Gondel mit 12er-Kabinen sind wir in 10 Min. auf dem Berg. Wir wandern zum Fire Tower, den man besteigen kann. Tatsächlich konnten die Rangers früher von diesem Turm aus allfällige Feuer entdecken, die Sicht ist fantastisch. Der Appalachian Trail kommt übrigens hier durch, das ist einer der längsten Fernwanderwege der Welt (3440 km!!), welcher durch 14 US-Staaten führt.
Wir entdecken einen Wegweiser zum Stratton Pond, 3.2 Meilen sind es zu wandern. Ich zögere, es ist schon fast zwei Uhr und den Weg müssen wir ja auch wieder zurück, damit sind es letztendlich 6.4 Meilen... Also etwa 10 km! Markus ist zuversichtlich, das schaffen locker in einer Stunde pro Weg. Wir haben Brot und Käse im Rucksack und ich stelle es mir romantisch vor, am See zu picknicken... also los! Erst scheint uns der Wanderweg richtig schön. Er führt uns durch dichten Wald, ab und zu an einem Bächlein vorbei und es kommen und dann und wann freundlich grüßende Wanderer entgegen. Es geht stetig hinunter und mir kommt der Gedanke, dass ich das alles auch wieder hinauf wandern muss... Auch nach einer Dreiviertelstunde sehen wir immer noch nichts ausser Wald. Die nächsten Wanderer fragen wir, wie weit es noch sei bis zum See und sie meinen: eine halbe Stunde. Meine Motivation sinkt, die Stimmung auch. Wir überlegen kurz umzukehren aber wir sind beide hungrig und mitten im Wald wäre das Picknick sehr ungemütlich. Ich muss ganz schön beißen und darf nicht daran denken, dass ich den ganzen Weg auch noch zurück gehen muss. Als wir endlich den See erblicken, kann ich mich gar nicht so freuen und das feine Picknick mit dem Greyerzerkäse kann ich nicht geniessen.
Inzwischen ist es nach vier Uhr und wir haben mit Schrecken festgestellt, dass wir es wahrscheinlich nicht rechtzeitig zurück schaffen werden, um mit der Gondel wieder zurück nach Stratton zu fahren. Wir hoffen mal auf die üblichen amerikanischen Öffnungszeiten, was heissen würde, dass die Bahn mindestens bis acht Uhr abends fährt... :-)
Wir wenden für den Rückweg die Marathon-Taktik von Markus an. Das heisst, wir teilen den Weg in drei Halbestunden... das macht es für mich mental etwas einfacher. Tatsächlich geht der Rückweg ganz gut und ich bin echt happy, als wir nach eineinhalb Stunden wieder aus diesem dunklen Wald herauskommen und zurück beim Turm sind. Nun heisst es rasch auf der Krete zurück zur Bahn und hoffen... Aber wir sehen schon von weitem, dass die Gondeln stehen... Super. So steht uns also noch ein steiler Abstieg unterhalb der Gondel bevor. Mein linkes Knie schmerzt schon länger und ich weiss, dass ich leiden werde beim absteigen. Ich kann nur langsam gehen, denn der Weg über die Wiese ist richtig steil. Mit der Zeit muss ich sogar alle paar Schritte anhalten, so sehr schmerzt das Knie. Markus ist zum Glück geduldig, sucht mir einen Gehstock und stützt mich, so gut es geht.
Kurz vor dem Sonnenuntergang und vor dem Nervenzusammenbruch kommen wir unten an. Ich bin so erleichtert und einfach nur froh, dass ich meine Beine im Auto strecken kann. Das war ein Tag, daran werden wir uns noch lange erinnern...






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